Gemeinsam sind wir stark

Paare_Krankheit

Gut durch schlechte Zeiten

Gemeinsam durch gute sowie schlechte Zeiten. Das versprechen sich viele Paare bereits zu Beginn ihrer Beziehung. Doch kommt es aus welchem Grund auch immer zu einer schwierigen Zeit, stellt das die Partnerschaft auf eine harte Probe. Manchmal scheitert eine Beziehung sogar an jener Bewährungsprobe. Doch gerade in schweren Zeiten ist es enorm wichtig, sich gegenseitig Halt zu geben. In diesem Artikel erzähle ich meine persönliche Geschichte über den Zusammenhalt und die Unterstützung, die ich meinem Freund während seiner schwersten Zeit entgegengebracht habe und wie ich mich dabei fühlte. Für mich steht ganz klar fest: Liebe ist die größte Kraft. Nur gemeinsam sind wir stark.

ich habe angst.

Wien, 21. November 2014, 02:31 Uhr. Endlich wählt er 141, die Nummer des Ärztefunkdienst. Seit einer Woche liegt er nun schon im Bett mit hohem Fieber und es geht einfach nicht runter. Die fiebersenkenden Mittel helfen nicht. Noch dazu kann er nicht gehen, da seine beiden Füße angeschwollen sind und so stark schmerzen, dass er nicht mal die Decke drauflegen kann. Ich drängte schon länger darauf, dass wir ins Krankenhaus fahren, doch er wollte das auf keinen Fall. Die letzten Stunden waren Horror. Er hat schon seit Tagen nicht mehr gut geschlafen. Sobald er einschläft schreckt er wieder hoch, da er so starke Schmerzen in den Füßen hat. Ich liege neben ihm und kann auch nicht schlafen. Stattdessen starre ich ihn an und kontrolliere, ob er noch atmet. Paranoid, aber ich habe Angst. In solch einem schlechten Zustand habe ich ihn noch nie gesehen. Als er dann auch noch zu phantasieren beginnt, habe ich genug. Er ruft den Ärztefunkdienst an, da wir nicht sicher sind, ob die Rettung notwendig ist und ich zu aufgewühlt bin, um zu telefonieren. Er wirkt ganz ruhig und kann dem Arzt seine Situation gut schildern. Doch der Arzt ist keine wirkliche Hilfe – er meint nur „noch eine Schmerztablette und morgen ins Krankenhaus“. Okay, dann warten wir bis morgen. Endlich sieht auch er es ein, dass eine Untersuchung im Krankenhaus unablässig ist. Ich kann die letzten Stunden bis zum Morgen kaum erwarten und erlebe die erste Erleichterung, als wir endlich im Auto Richtung Krankenhaus sitzen. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, welche Auswirkungen dieser Tag für uns haben würde.

alleine in thailand.

Chiang Mai, 22. Juni 2016, 06:13 Uhr. Die letzte Nacht weckte in mir Erinnerungen an die schreckliche Nacht im November 2014. Wir liegen in einem Hotelbett in Thailand, seit ein paar Tagen hat er wieder hohes Fieber. Wir ahnen warum, doch wollen wir es noch nicht ganz wahrhaben. Es ist keine Besserung in Sicht. In den letzten Tagen verbrachte ich unzählige Stunden im Internet um herauszufinden, welche natürlichen Mittel einen Harnwegsinfekt lindern können, welche thailändischen Kräuter es gibt und was hier in diesem Land erhältlich ist. Ich machte mich alleine auf in eine Stadt, deren Sprache ich nicht verstehe und die ich kaum kenne. Ich klapperte zahlreiche thailändische Apotheken, Supermärkte und Straßenmärkte ab, während er wieder mal mit hohem Fieber im Hotelbett lag, und versuchte den Angestellten dort klarzumachen, was ich brauche. Doch all das schien nicht mehr zu helfen. Wir haben unser selbstgesetztes Limit, bis zu dem das Fieber weg sein sollte, nun schon einen Tag überschritten. Wir beide wollen nicht, dass es wieder so schlimm wie in jener Nacht vor zwei Jahren wird. Ich verspürte eine erste Erleichterung, als wir im Tuk-Tuk Richtung Krankenhaus sitzen. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen, welch harten Stunden dieser Tag noch für uns bereit hielt.

Schwierige Zeiten

Diese knappen zwei Jahre zwischen November 2014 und Juni 2016 zählen zur schwierigsten Zeit in der Beziehung zwischen Stefan und mir. Eine Krankheit besteht nicht nur aus Symptomen. Sie hat Ursachen und verursacht Probleme. Nicht nur für den Erkrankten selbst, sondern auch für seine Angehörigen und Freunde. Und für seinen Partner. Wir waren jung und unbeschwert, nichts konnte uns stoppen. Wir hatten nicht mehr lang bis zum Studienabschluss, wir schmiedeten Pläne und wir waren bereit, die Welt zu erobern. Dann kam der 21. November 2014 und die Nachricht, dass Stefan ernsthaft krank ist. Klar, er wurde schon mit urologischen Problemen geboren und ich wusste darüber Bescheid. Doch es war Vergangenheit und wir dachten, das wäre abgeschlossen. Er ging ins Krankenhaus, weil er starke Schmerzen in seinen Füßen hatte und deshalb nicht gehen konnte. Doch das Problem lag nicht in den Gelenken – das Problem waren seine Nieren. Ihr Zustand hat sich über die Jahre schleichend verschlechtert, ohne das es bemerkt wurde. Und so traf uns die Diagnose mitten ins Gesicht – ein harter Schlag. Für mich brach eine Welt zusammen und es brach mir das Herz, Stefan so traurig, mutlos und schwach zu sehen.

 wir schaffen das.

Nach einer Zeit der Trauer, Wut und Ratlosigkeit, durch die uns unsere Familien sehr gut geholfen haben, fassten wir wieder neuen Mut. Wir schaffen das. Diese drei Wörter waren ständig in meinem Kopf. Ich versuchte, positiv zu denken und mit meinem Denken auch Stefan anzustecken. Doch nicht nur Gedanken heilen, auch Taten. Und so durchforstete ich das Internet nach Ärzten, Behandlungsmöglichkeiten und Ernährungstipps. Wir stellten unsere Ernährung um und versuchten, uns großteils vegan zu ernähren. Ich wollte, dass Stefan alles ausprobiert. Doch es kam mir vor, als ob er seine Krankheit verdrängt. Er ging zwar zu verschiedenen Ärzten, doch so richtig wollte er nicht daran glauben, dass die Behandlungen etwas helfen würden. Zu dieser Zeit wohnten wir noch in Wien und spielten immer mehr mit dem Gedanken, eine einjährige Reise zu machen. Denn es schien nicht so, als ob es eine nachhaltige Lösung für Stefans „Problem“ geben würde. Also warum nicht ein Jahr Auszeit nehmen? In dieser Zeit würde es sich schon nicht noch drastischer verschlimmern. Wir planten also die Reise zu starten, sobald wir unsere Studienabschlüsse in der Tasche haben.

Eines Tages erzählte mir Stefan davon, seine Diplomarbeit für eine Firma schreiben zu wollen. Und zwar nicht in Wien. Er wollte weg von der Hauptstadt und einen Ortswechsel. Ich stand kurz vorm Studienabschluss und schrieb an meiner Magisterarbeit. Wir hatten eine Wohnung in Wien, hatten beide eine Arbeit und eine gewisse Routine. Ich muss gestehen, dass ich zu Beginn nicht recht viel von seiner Idee hielt. Doch je mehr er mir davon erzählte und je konkreter seine Pläne wurden, desto mehr begann ich ebenfalls mit dem Gedanken zu spielen. Das bedeutete aber, dass wir die Reise wieder verschieben müssten. Doch ich wollte ihn unterstützen, denn er wusste, dass er in Wien nicht mehr glücklich werden kann. Als er die Zusage für eine Diplomandenstelle in Tirol bekam, hatten wir nur wenige Wochen um alles zu organisieren. Vom Osten in den Westen. Im Nachhinein betrachtet war der Ortswechsel der richtige Schritt für Stefan und für mich. Wir freuten uns über die schöne Wohnung, in der wir wohnen durften. Wir freuten uns über die vielen Stunden, die wir am Berg verbrachten und einfach drauflos marschierten. Wir setzten einen Fuß vor dem anderen und das war alles was zählte und wichtig war. Wir freuten uns über die vielen schönen Orte und Momente, die wir im Westen Österreichs erleben durften. Und wir freuten uns über die Flugbuchung – ein One-Way-Ticket nach Bangkok. Das Datum stand fest und wir waren aufgeregt. Zwei Monate nach Tirol würden wir ins Flugzeug steigen und die beste Zeit unseres Lebens haben.

ich war überglücklich.

Doch auch in Tirol litt Stefan an Harnwegsinfekten und musste ins Krankenhaus. Dort allerdings traf er endlich auf einen Arzt, der ihm helfen konnte und ihn an das „richtige“ Krankenhaus weiterleitete. Das war kurz vor dem Ende seiner Praktikumstelle, damit unserer Zeit in Tirol und kurz vor dem Beginn unserer großen Reise. Die letzten zwei Monate wollten wir noch daheim in Niederösterreich verbringen, bevor wir Ende April in das Flugzeug steigen würden und die beste Zeit unseres Lebens erleben würden. Ich war überglücklich, dass Stefans urologisches „Problem“ nun doch ganz einfach operativ beseitigt werden könnte. Der kleine Wermutstropfen dabei war, dass nun unsere Reise und damit mein großer Traum wieder ins Wanken geriet. Doch es gab nichts wichtigeres für mich als Stefans Gesundheit. Und so wurde er zwei Wochen vor unserem Abflug nach Bangkok operiert. Wir hatten Glück, dass der behandelnde Arzt sehr großes Verständnis für unseren Wunsch nach der Reise hatte und alles dafür tat, dass wir am 29.04.2016 ins Flugzeug steigen könnten. Trotzdem konnte er natürlich nichts versprechen.

Die Operation verlief sehr gut und wir waren voller Hoffnung, dass nun alles vorbei sei. Einen Tag vor unserer Abreise hatte Stefan den letzten und wichtigsten Kontrolltermin im Krankenhaus, denn es wurde darüber entschieden, ob er reisefähig ist und die einjährige Reise aus medizinischer Sicht antreten könne. Wir hatten unsere Rucksäcke fertig gepackt, wir hatten uns bereits von einem Teil unserer Familie verabschiedet und waren startklar. Die Ärzte jedoch würden nun entscheiden, ob wir am nächsten Tag auch wirklich ins Flugzeug steigen würden. Als das okay kam, konnten wir unser Glück kaum fassen. Stefan ging es gut und wir waren mehr als überglücklich, dass die Operation gut verlief. Und ich war mehr als überglücklich, dass wir nun tatsächlich die sehnsüchtig erwartete Reise antreten würden und Stefan nun wieder richtig gesund werden könne.

Mut bedeutet Leben

Am 29.04.2016 stiegen wir also in das Flugzeug. Der erste Tag unserer großen Reise war gekommen und die Welt lag uns zu Füßen. Schon lange habe ich mich nicht mehr so glücklich, befreit und positiv aufgeregt gefühlt. Was würde kommen? Wie würden wir uns entwickeln? Wie würden wir Asien erleben und uns dort zurechtfinden? Alles war neu, aufregend und ungewiss. Gefühle, die süchtig machen. Es ging uns beiden gut, alles war schön. Doch schon bald merkte Stefan, dass wieder etwas mit seinem Körper nicht stimmt. Da waren wir gerade in Thailand, auf der Insel Koh Chang. Er nahm stärkere Antibiotika und so war der Harnwegsinfekt (den wir selbst durch mitgebrachte Teststreifen diagnostizierten) in Zaum gehalten, aber nie ganz weg. Und die nächsten zwei Monate ging er auch nie ganz weg. Es wurde mal schlimmer, mal besser – aber der Infekt war ständig da. Trotz der Einnahme der Antibiotika. In Kambodscha wurde es mal schlimmer – einen Tag bevor wir auf eine Insel ohne jegliche Infrastruktur fuhren – 2 Stunden vom Festland mit halbwegs annehmbarer Versorgung entfernt. Zum Glück wurde es nicht schlimmer und wir konnten die Zeit auf Koh Rong Sanloem genießen.

Nach zwei Wochen, in denen wir durch Kambodscha reisten, zog es uns wieder zurück nach Thailand – in den Norden. Wir wollten eine Woche in Chiang Mai verbringen, geworden ist es schließlich ein ganzer Monat. Nicht etwa nur deshalb, weil es eine tolle Stadt ist. Nein. In Chiang Mai verschlechterte sich der Zustand von Stefan immer mehr. Nach einer Woche wurde er zum ersten Mal krank – eine Magen-Darm-Grippe, die sich dann irgendwie zu einem Harnwegsinfekt und zu einer erneuten Nierenbeckenentzündung entwickelte. Zu Beginn wollten wir den Harnwegsinfekt noch so gut es geht lindern. Jedoch ohne Antibiotika, denn es war einfach schon zuviel und wir hatten das Gefühl, dass das Antibiotikum einfach nicht mehr wirkt. Während Stefan mit 40 Grad Fieber im Hotelbett lag, suchte ich nach alternativen Heilmitteln in Chiang Mai. Ich kam zurück mit einigen speziellen Tees, Probiotika und für den Notfall einem neuen Antibiotikum. Nachdem wieder zwei Tage vergangen waren und das Fieber nicht runter ging, beschlossen wir schließlich ein Krankenhaus aufzusuchen.

mut rettet leben.

Long story short – es war nicht schön. Stefan musste eine Woche im Krankenhaus bleiben und hatte bis zum Schluss Fieber. Als er schließlich endlich 24 Stunden fieberfrei war, wurde er entlassen. Wir spielten mit dem Gedanken die Reise abzubrechen und heimzufliegen. Doch wir entschieden uns anders. Wir vertrauten auf unser Bauchgefühl, das uns beiden ganz klar sagte dass wir weitermüssen. Und so befanden wir uns drei Tage später im Flieger nach Bali. Wir haben unsere Angst in Mut umgewandelt und das war die beste Entscheidung, die wir hätten treffen können. Denn nicht umsonst sagt man dass Bali heilt sobald man aus dem Flieger steigt – und das haben auch wir erleben dürfen. Nur nach ein paar wenigen Tagen trafen wir eine Heilpraktikerin, die Stefan zu einer richtigen Gesundheit verhalf – ohne Antibiotika, nur mit natürlichen Mitteln. Seitdem hatte er keinen einzigen Harnwegsinfekt mehr. Mut rettet Leben.

Es war ein langer Weg raus aus der Negativität, Hoffnungslosigkeit, Ratlosigkeit und der Angst. Der Ortswechsel und die Veränderungen haben sicher sehr geholfen. Veränderungen sind gut. Das wichtigste war aber der Glaube daran, dass alles einen Sinn hat und alles gut werden wird. Dass wir unser Leben selbst in der Hand haben und bestimmen können, wie wir es leben wollen. Und dass wir beide bereit waren Dinge, die nicht gut getan haben und Dinge, die krank machten, zu ändern. Es ist wichtig, dass der Betroffene nicht alleine gelassen wird und dass er oder sie von der ganzen Familie unterstützt wird. Eine Ernährungsumstellung ist immer schwer, doch sie gelingt besser, wenn alle mitmachen und ebenfalls bereit sind, die Gewohnheiten zu ändern. Ein Ortswechsel ist schwer, wenn man Arbeitsplätze, Routinen und Wohnungen hat. Aber er ist möglich, wenn man mit Zuversicht, neuen Ideen und Enthusiasmus an die Sache ran geht. Schließlich geht es um einen geliebten Menschen und man möchte doch alles dafür tun, dass es ihm wieder besser geht.

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